Früher dachte ich immer, dass das Geschichtenerzählen nur in Romanen seinen Platz hat. Aber seit ich mich etwas tiefer in die Informatikwelt begeben habe, sehe ich, dass sich damit noch viel mehr machen lässt. Wenn man eine Webseite erstellen will, kann man Geschichten erzählen, in welcher Lebenssituation der Nutzer diese Seite besuchen wird und was er auf der Seite erlebt. Beispiel: "Axel fand auf dem Dachboden diesen alten Schaukelstuhl. Er brauchte dringend Geld, also suchte er im Netz nach einer Möglichkeit, diesen Stuhl zu verkaufen..." Und landet dann prompt auf einer dieser Auktionsplattformen.
Anderes Gebiet: Computerspiele. Viele Spiele drehen sich um eine Geschichte oder um eine Phantasiewelt. Da gibt es fremdartige Wesen, Bösewichte, neue Welten...
Und das ist nur der Bereich Informatik. Ich bin sicher, dass es noch mehr Berufe gibt, in denen man das Geschichtenerzählen nutzen kann. Vielleicht weiss ja der eine oder andere von euch etwas dazu?
Ich weiss, ich habe vor langer Zeit versprochen, hier weiterzuschreiben. Eine Tatsache ist, dass ich schon seit zwei Jahren nicht mehr wirklich schreiben kann. Ich weiss noch, wie es damals war. Wenn ich schrieb, spürte ich irgendwann nicht mehr, dass ich schrieb. Ich sah die Geschichte wie einen Film vor mir ablaufen und meine Finger tippten einfach nur noch. Es war mir alles egal. Egal, was die Leute von mir halten würden, wenn ich dieses oder jenes schrieb. Egal, ob ich gut schrieb oder schlecht. Es ging nur noch darum, diese Geschichte durchzuerleben und zu erfahren, wie sie ausgehen würde. Als ein kleines Mädchen darin starb, weinte ich. Es war nicht mehr so, als ich schreiben würde. Sondern, als hätte die Geschichte schon immer existiert und als würde ich sie nur beobachten und für die Nachwelt festhalten. Es waren acht wunderschöne Wochen. Und danach? Danach wollte ich genau dieses Gefühl wieder erreichen, es erzwingen. Und das geht nicht. Ich fange an, darüber nachzudenken, was die Leute wohl von dieser oder jener Idee halten würden. Ich denke in Konzepten und Sparten. Statt einfach nur die Geschichte zu erzählen.
Kürzlich habe ich mit dem Zeichnen angefangen. Und ich spüre, wie ich jetzt in dieselbe Falle tappe. Diese Zeichnung muss jetzt perfekt sein, damit sie alle toll finden! Und ich spüre, wie dann die Energie schwindet. Das Innere will nicht erschaffen, um anderen zu gefallen. Irgendwo in jedem ist wohl ein Kern seiner selbst. Oft denken wir wahrscheinlich, dass die andern entsetzt oder gelangweilt wären, wenn sie unseren wahren Kern sehen würden. Aber in Wirklichkeit ist er wunderschön. Und in jeder Kunst dreht es sich eigentlich nur darum, die andern diesen Kern sehen zu lassen. Wenn du dir deiner Verletzlichkeit bewusst bist, wenn du dir deine Ängste eingestehst und deine tiefsten Wünsche zulässt, wenn du all das in deine Kunst legst - dann schaffst du wahre Meisterwerke. Dann spielt es keine Rolle mehr, was die Welt von dir hält oder ob du gut oder schlecht bist in dem, was du tust. Weil du dann tief in dir selber ruhst.
Ich wollte als kleines Mädchen natürlich auch Schriftstellerin werden, um berühmt zu werden, um anerkannt zu werden. Aber wenn ich schrieb, war ich einfach glücklich. Viele meiner Texte hat nie jemand zu Gesicht bekommen. Ich wusste intuitiv, ob sie gut oder schlecht waren. Wann immer ich in der Schule einen Aufsatz schrieb und die Geschichte wirklich lebte, bekam ich eine gute Note. Vor drei Jahren, nachdem ich diese eine Geschichte geschrieben hatte, gab ich sie drei Leuten zum Lesen. Sie hatten die Geschichte alle in einem Zug durchgelesen, weil sie so spannend war. Ihr Feedback hat mir damals viel bedeutet. Inzwischen wünschte ich manchmal, sie hätten mir nie gesagt, wie sie die Geschichte finden. Feedback kann einen wirklich dazu anstacheln, besser zu werden - wenn man Anfänger ist. Aber irgendwann behindert es einen. Wie man diese Hürde überwindet, habe ich selbst noch nicht herausgefunden. Ich bin gerade dabei, es zu erforschen. Vielleicht hat der eine oder andere ja einen Tipp dafür. Genug für diesmal. Dieser Beitrag ist in meinen Augen nicht gut genug. Aber zumindest ist er ehrlich. Das ist doch immerhin schonmal ein Anfang...
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass einige vielleicht mit täglichen Schreibtipps etwas zu stark gefordert sind. Manchmal benötigt man mehr Zeit, um zu schreiben, um zu verdauen, was man da gerade gelesen hat. Deshalb möchte ich ein neues Konzept für die Schreibtipps einführen. Ab sofort erscheint wöchentlich ein längerer Artikel zu einem Schreibthema und einen kürzeren Schreibtipp, der euch zum Schreiben inspirieren soll. Ich hoffe, Ihr bleibt weiterhin dabei und lest und schreibt fleissig mit.
Für diese Übung benötigst du das Skizzenbuch aus Schreibtipp 124. Wenn du im Zug sitzt oder irgendwo auf dem Marktplatz - dann beobachte die Menschen um dich herum. Gibt es jemanden, der spontan dein Interesse weckt? Vielleicht eine Frau mit einem besonderen Hut oder ein Mann, der aussieht wie ein berühmter Politiker. Was es auch immer ist - versuche, in einem Satz das Wesentliche zu erfassen, das diese Person kennzeichnet. "Ihr Hut sah aus, als würde er ihr jeden Moment vom Kopf fallen, so schräg hatte sie ihn aufgesetzt." Vielleicht kommen weitere Beobachtungen dazu. "Sie griff immer wieder danach, um sich zu versichern, dass er noch an der richtigen Stelle war." Vielleicht fragst du dich dann: Wieso setzt sie den Hut nicht gerader auf den Kopf? Nun, entweder fragst du sie danach - und erntest möglicherweise einen bösen Kommentar. Oder du fängst an, Geschichten zu erzählen. "Sie hatte das in einem französischen Modejournal gesehen. Eigentlich hatte sie keine Ahnung von Mode. Aber ihr neuer Freund wollte, dass sie schick aussah. Eigentlich stand der Hut für ihr ganzes Leben. Seit Jahren war ihr Leben auf der Kippe und drohte, abzustürzen. Da waren ihr Schuldenberg, der immer höher anwuchs..." Ich denke, du hast verstanden, worum es geht. Tu das nicht gezielt für einen Roman oder eine Geschichte. Pick dir einfach mal eine Person heraus, mache eine Skizze. Manche werden misslingen. Das dürfen sie auch. Manche werden grossartig. Aus denen entwickelt sich vielleicht tatsächlich eine Kurzgeschichte oder sogar einen Roman. Gerne höre ich von dir, welche Erfahrungen du beim Skizzieren gemacht hast.
Designer und Grafiker haben oftmals ein persönliches Skizzenbuch, in dem sie einfach mal so aus Spass ein bisschen was kritzeln... Im Internet findet man einiges (googel mal nach dem Wort "sketchbook"). Da gibt es Varianten, die bereits detailliert ausgeführte Zeichnungen enthalten. Dann wieder gibt es welche, die einfach mal so rumprobieren. Und manche haben beides drin. Kauf dir doch mal ein Heft oder ein hübsches Notizbuch. Und wenn du unterwegs bist und dir langweilig ist - nimm das Buch hervor und schreib ein paar Zeilen. Vielleicht sitzt du gerade im Zug und die Frau dir gegenüber sieht interessant aus? Der Zeichner würde sie vielleicht skizzieren - und genau das kannst du auch tun. Beschreibe in groben Zügen das Wesentliche dieser Frau. "Sie hat diesen Blick, der sagt: wenn du mir zu nahe kommst, beisse ich. Gleichzeitig guckt sie ständig, was die anderen Leute machen. Sie erinnert mich an einen verängstigten Hund, der mal vorsorglich die Zähne zeigt, damit er in Ruhe gelassen wird." Oder beschreibe den Sonnenuntergang draussen. Deine Wasserflasche. Deine eigene Hand. Schreib ein paar Zeilen Dialog, die dir gerade in den Sinn kommen. Einfach so. Aus Spass am Schreiben. Aus Spass am Skizzieren.
Für die heutige Übung werden wir uns auf die Seite des Bösen begeben. In einem guten Roman ist der Bösewicht nicht einfach nur "böööse", sondern er hat eine eigene Gedankenwelt und ein Motiv. Lies dir doch einmal den folgenden Artikel über Jack the Ripper durch. Im Abschnitt "Tatverdächtige" gibt es einige kurze Beschreibungen zur Auswahl. Suche dir eine Figur aus und überlege dir, was für eine Vergangenheit der Täter wohl gehabt haben könnte. Der Quacksalber beispielsweise könnte in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sein. Die reichen jungen Frauen haben ihn immer verspottet und da gab es ein Erlebnis, bei dem er am Ende mit herunter gelassener Hose von der Polizei abgeführt wurde. Sein Vater hat ihn verprügelt und gedemütigt. Und hat ihm ständig vorgeworfen, mit den Leistungen in der Schule würde er nie Arzt werden. Deshalb hat er sich als Quacksalber ausgegeben und dabei die Frauen dafür gedemütigt, was sie ihm angetan haben. Jeden Abend kamen dieselben Bilder in den Sinn, die höhnischen Mienen, das verächtliche Lächeln, die Schläge seines Vaters. Irgendwann steigerte sich diese Wut bis hin zum Hass und die Morde begannen...
Stell dir vor, deine Urururgrossmutter hat damals eine geheime Kiste vergraben, die euer Familiengeheimnis enthält. Erzähle davon, wie du die Kiste "rein zufällig" entdeckst und was du darin findest. Weist eine Sternschnuppe auf den Ort hin oder ist es nur dein Hund, der eigentlich seinen Knochen wieder ausbuddeln wollte? Ist darin eine Schatzkarte, ein blutiger Dolch oder ein Tagebuch? Vielleicht bist du mit Einstein verwandt oder mit Shakespeare? Oder mit Jack the Ripper? Oder in Wirklichkeit seid ihr eine Familie, in der alle übernatürliche Begabungen haben? Lass deine Phantasie spielen.
Manchmal, wenn meine Gedanken zu sehr abschweifen, hilft ein wenig Hintergrundmusik, um mich konzentriert zu halten. Ich habe aber auch schon endlose Zeit damit verbracht, nach der perfekten Musik für die Geschichte zu suchen. Schlussendlich bin ich dann beim iTunes-Store gelandet, wo ich alle möglichen Tracks probegehört habe. Inzwischen plädiere ich dafür, eine ruhige, gleichmässige Melodie zu hören, die einen wie eine schützende Glocke umhüllt, aber einen nicht vom Wesentlichen ablenkt: dem Schreiben. Wenn du jedoch andere Erfahrungen gesammelt hast, wäre ich gespannt, davon zu hören.
Auf 99percent findest du einen Soundtrack, der sich ganz gut eignet.
Stifte liegen verstreut auf dem Schreibtisch, hier das Notizbuch, dort eine Mappe mit losen Blättern, weiter drüben die Unterlagen für die Steuererklärung, da der aktuelle Roman, an dem ich gerade lese, dort ein Sachbuch, eine externe Festplatte, der Laptop und manchmal sogar das Abendessen - so kann mein Schreibtisch im schlimmsten Fall aussehen. Alle paar Wochen verliere ich mal die Kontrolle über mein Chaos, weil die Kreativität mit mir durchgeht. In solchen Phasen hilft es unglaublich, den Schreibtisch aufzuräumen. Man stelle sich die Aufmerksamkeit als eine Art Abflussrohr vor. Wenn man fokussiert ist, fliesst das Wasser sauber ab. Aber wenn nicht - dann gibt es eine Verstopfung, nichts geht mehr durch. In der Leitung stecken jede Menge Dinge. Da drin steckt vielleicht die unerledigte Steuererklärung, der Zahnarzttermin, die Einkäufe und was es sonst noch so an Aufgaben gibt. Es ist unglaublich schwierig, unbeschwert die Kreativität ausleben zu können, während man aus den Augenwinkeln die ganze Zeit die Steuerformulare sieht. Genauso schwierig kann es sein, wenn man ein Buch übers Zeichnen auf dem Tisch liegen hat, die seit längerem unbenutzte Gitarre in der Ecke stehen sieht und dann plötzlich drei Dinge gleichzeitig tun will. Ein bisschen kreatives Chaos darf sein. Aber wenn auch dein Abfluss etwas verstopft ist, dann lass mal etwas Abflussreiniger ins Rohr. Nimm dir Zeit, um den Zahnarzttermin auszumachen, mach deine Einkäufe, schaffe Ordnung in deinem Leben.
Du setzt dich hin, um zu schreiben und - wamm! Du knallst gegen eine unsichtbare Wand. Aus irgendeinem Grund funktioniert es im Moment nicht. Du kannst nicht schreiben. Statt jetzt einfach aufzugeben, kannst du anfangen, aufzuschreiben, was in dir vorgeht. Weshalb kannst du gerade nicht schreiben? Willst du zu perfekt sein, träumst du mit einer Gehirnhälfte schon vom Bestseller? Oder bist du geistig mit etwas ganz Anderem beschäftigt, z.B. mit deinem Job?
Okay, eine besondere Herausforderung für heute! Schreibe bitte eine Geschichte, in der die Wörter "Bahnhof" und "Computer" eine zentrale Rolle spielen. Nein, keine Liebesgeschichte, die am Bahnhof spielt, weil ihr dort der Laptop runter fällt. Hier sind die Worte nicht mit der Geschichte verwoben, sondern sind eher beiläufige HIlfsmittel. Eher sowas wie: ein Pensionär, der seine gesamte Freizeit damit verbringt, alle möglichen Bahnhöfe anzureisen, um sie sich anzusehen. Eigentlich ist er recht einsam. Er träumt schon sein Leben lang davon, diesen einen Bahnhof in diesem einen Städtchen zu sehen - aber er kann sich die Fahrkarte dorthin einfach nicht leisten. Also lernt er in seinem Alter als völliger Anfänger, mit Computern umzugehen, und verdient jede Menge Geld damit, seinen Altersgenossen Computer zu erklären und zu verkaufen (er kann sehr überzeugend sein gegenüber fortschrittsresistenten Leuten). Und irgendwann liegt er auf dem Sterbebett. Er hat es nicht zu diesem einen Bahnhof geschafft. Aber er hat durch die Computergeschichte so viele tolle Leute kennengelernt und so viele Freundschaften geschlossen, dass er lächeln muss. "Den Bahnhof sehe ich mir in meinem nächsten Leben an", sagt er und schliesst die Augen.
Ich weiss, es ist eine unglaublich kitschige Vorstellung, den Frühling schon wieder zu beschreiben. Der schmelzende Schnee, die zwitschernden Vögel, das spriessende Grün... Versuche, den Frühling zu beschreiben, aber dabei die Klischees etwas aufzulockern mit realen Gegebenheiten. Die zarten Strahlen der Sonne schienen an diesem Tag besonders zart, als ich mich prompt erkältete, weil ich mir bereits ein sommermässiges T-Shirt angezogen hatte. Oder hole den Weihnachtsmann nochmals aus der Kiste, wie er schwitzend auf der Wiese steht und verwirrt auf das Gras guckt, weil er Weihnachten verschlafen hat. Vielleicht trifft er dabei auf den Osterhasen, der schonmal bei der Arbeit ist, die ersten Eier zu verstecken, weil das Management da oben Arbeitskräfte einsparen wollte. Und schon ist es gar nicht mehr so langweilig, den Frühling zu beschreiben ;-).
Wie empfindest du Hitze? Versuche, einen richtig heissen Tag zu beschreiben. Wie fühlst du dich? Was tust du? Es kann auch nur eine kurze Szene sein...
Ich strample mich auf dem Rad ab - wieso müssen wir auch ausgerechnet heute mit der Schulklasse Fahrrad fahren? Nein, ich schwitze nicht mehr. Mein Körper fühlt sich inzwischen eher wie eine vertrocknete Peperoni an. Die Haut spannt unangenehm, mein Kopf glüht, meine Arme brennen vom Sonnenbrand und meine Wasserflasche ist inzwischen auch leer. Super! Ich höre in der Ferne die Krähen krächzen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Aasgeier schon über mir kreisen, während sie warten, dass ich von meinem Fahrrad falle. Zwölfjährige beim Fahrradausflug verdurstet - das wäre eine Schlagzeile! Da endlich höre ich viele aufgeregte Kinderstimmen. Ich setze mich dazu, bekomme ein Eis und ein grosses Glas Wasser. Ich bin im Paradies!
Hattest du in der Kindheit irgendeinen Feind? Irgendein Kind, das du überhaupt nicht mochtest oder das dich nicht mochte? Stell dir vor, du bist gefangen in einem Traumschloss - im Schloss dieses Kindes. In diesem Gemäuer passieren allerlei seltsame Dinge, weil dieses Kind ja von dem Schloss träumt. Und du musst den Weg nach draussen finden. Was passiert?
Du wirst angesichts der Forderung, einen Menschen auf der Toilette zu beschreiben, rot anlaufen und stottern: "Aber das geht doch nicht..." Nun gut, ich werde dich erlösen. Du sollst natürlich nicht in die technischen Details gehen. Aber wie verhält sich z.B. einer deiner Charaktere auf der Toilette? Liest er gemütlich seine Zeitung, während nebenan ein Kumpel von ihm duscht? Hält er es nicht aus, wenn Geräusche von jenseits der Toiletten-Tür kommen und er schafft es nicht, auch nur ein Tröpfchen von sich zu geben? Ist es ihr egal, wie sie die Toilette hinterlässt und was die nächste Toiletten-Besucherin davon hält? Oder geht sie nur im Notfall auf öffentliche Toiletten und hat für solche Fälle extra ein Desinfektionsspray dabei? Es können auch für uns seltsam anmutende Rituale zum Vorschein kommen. z.B. erfahre ich immer wieder von chinesischen Staatsangehörigen, die sich von ihrer Kultur her ein Plumpsklo gewöhnt sind und sich deshalb mit Schuhen auf den Toilettenring stellen. Okay, okay, ich hab versprochen, nicht in die technischen Details zu gehen. Aber wenn du für eine Geschichte Charaktere entwickelst und weisst, wie sie sich auf der Toilette verhalten würden - ich glaub, dann weisst du fast alles über sie.
Du kennst doch Karikaturen? Man nimmt eine Person mit einer leicht länglichen Nase und zeichnet die Nase, als würde sie von einem lügenden Pinocchio stammen. Nun, dasselbe geht mit Charakteren. Nimm eine Person und schreibe eine kurze Szene, in der etwas überspitzt eine bestimmte Eigenschaft zum Vorschein kommt. Vermutlich solltest du dich jedoch hüten, diesen Text der entsprechenden Person zu zeigen - zumindest dann, wenn dir am Kontakt mit dieser Person noch etwas liegt ;-)
Das könnte etwa so aussehen:
"Schatz, könntest du kurz...?"
Er guckt sie böse an und zeigt auf den Telefonhörer an seinem Ohr.
"Ich weiss, aber es ist ganz..."
Sein Blick ist nun mörderisch, während er sagt: "Natürlich verstehe ich Ihre Sorgen, aber unser Produkt ist einwandfrei. Sie werden schon..."
"Schatz?" Sie stützt die Hände in die Hüften.
Er sieht rot, rast auf sie zu, während im der Telefonhörer aus der Hand fällt, schon darauf vorbereitet, sie kräftig anzuschnauzen, da heult sie los, als sei der Feueralarm losgegangen.
"Du bist immer so gemein zu mir! Nie hörst du mir zu!"
Besorge dir doch mal ein Heft oder ein Notizbuch und einen Stift und nimm sie auf dem Weg zur Arbeit mit. Vielleicht schreibst du im Tram ein paar Zeilen oder im Zug, vielleicht setzt du dich nach der Mittagspause mit einer Kaffeetasse in eine ruhige Ecke und schreibst zehn Minuten. Du wirst merken - zu schreiben ist, als würde man tief durchatmen. Wenn alle deine Gedanken aufs Papier geflossen sind, wirst du dich leichter, entspannter und erfrischt fühlen.
Du hast dir jetzt notiert, was du für Bücher lesen würdest (wenn nicht, dann hopp, hopp ab zu Teil 1, bevor du hier weiterliest ;-). Heute möchte ich, dass du dich verpflichtest, etwas in einem dieser Bereiche zu schreiben. Wenn du also Theaterstücke gelesen hast, könntest du eine Theaterszene schreiben. Wenn du Diätratgeber gelesen hast, könntest du ein Essay übers Abnehmen schreiben. Wenn du Gedichte gelesen hast, dann soll es ein Gedicht sein. Der Text braucht nicht lange zu sein, vielleicht ein, zwei Seiten. Natürlich wird da eine Stimme sagen "aber ich kann doch kein Theaterstück, keine Gedichte, keine Sachtexte schreiben, ich kenne mich doch mit Architektur überhaupt nicht aus." Es geht ums Ausprobieren. Wenn du überhaupt keine Ahnung hast, dann lies ein bisschen was darüber (aber nicht zuviel, wir wollen doch das Schreiben nicht vergessen ;-). Wer weiss - vielleicht entdeckst du ein neues Genre für dich?
Stell dir einmal vor, es gäbe eine Bibliothek, in der alle Bücher dieser Welt stehen. Okay, vielleicht nicht ganz alle, aber halt sehr, sehr viele. Und dann stell dir vor, du stehst da und stöberst in einem Buch und plötzlich gehen die Lichter aus. Zaramm! Die Tür ist verriegelt. Für diese Nacht bist du hier eingesperrt. Zum Glück hast du noch einen Fruchtriegel und eine Taschenlampe dabei (keine Ahnung, wieso du sowas mit dir herumschleppst). Wenn du schonmal da bist, kannst du genauso gut die Zeit mit Lesen verbringen. Was liest du? Vielleicht verliebst du dich in die Architektur? Vielleicht liest du Horror-Romane und kannst nicht mehr aufhören?
Such dir irgendeinen Baum aus, der dir gefällt. Und dann such dir einen zweiten Baum aus, den du hässlich findest. Nun stell dir vor, die beiden Bäume diskutieren über die Mode der jungen Bäume heutzutage (die Bäume sind natürlich schon alt). Wie könnte das aussehen? Vielleicht meint der eine "puh! Diese Jungbäume, die sich mit so übertrieben viel Grünlaub schmücken müssen! Und spindeldürr sind die jungen Dinger! Die sollten vielleicht mal etwas mehr Nährstoffe aus dem Boden saugen". So könnte das etwa sein. Okay? Dann bist du an der Reihe. Ich bin gespannt!