Paragliding

Ich stehe da, in Gurten festgezurrt, unter denen ich kaum atmen kann. Gleichzeitig vermittelt mir der Druck der Haken und Ösen ein Gefühl der Sicherheit. Es ist ohnehin zu spät, jetzt noch umzukehren. In zwei Minuten gehts los, hat er gesagt. „Bist du bereit?“, fragte mich die Stimme von hinten.
„Ja“, sage ich. Nein, denke ich. Ich will nicht. Ich möchte am liebsten aus diesen verdammten Gurten steigen und davon laufen. „Und los! Tap, tap, tap...“ Statt dessen laufe ich in Richtung Abgrund. Im Gleichschritt mit den Füssen hinter mir. Hoffentlich falle ich nicht hin. Hoffentlich fallen wir nicht hin – ich möchte nicht unter neunzig Kilo Mann begraben werden. Hoffentlich kommt der Schirm, bevor der Fels zu Ende ist. Hoffentlich... ein Rauschen erklingt über uns. Meine Füsse treten ins Leere. Die Gurte spannen sich. Mein Magen kribbelt nervös.
Ich schliesse schnell die Augen, als ich den Boden sehe – weit, weit unter meinen baumelnden Füssen. „Alles okay?“, fragt die Stimme hinter mir. „Ja“, schreie ich gegen den Wind. Mir ist schlecht! Für einen Moment bin ich mir ganz sicher, dass wir gleich abstürzen werden. Warum hab ich mich nur auf diesen Mist eingelassen! Das war garantiert das erste und das letzte Mal, dass ich so etwas...
Und dann öffne ich die Augen. Direkt vor mir erstreckt sich eine zerklüftete Bergkette, die Spitzen mit Schnee bestreut. Über mir ist der Himmel – ich habe noch nie so viel Himmel auf einmal gesehen! Und dann spüre ich diese Weite in meinem Innern, als öffnete sich eine Tür, und ich möchte schreien vor Glück. Das ist es, was die Leute meinen, wenn sie von Freiheit sprechen. Aber es ist viel mehr. Es ist, als ob die Grenze des Möglichen gesprengt wird und das Unmögliche in Reichweite gelangt. Es ist, als seien plötzlich alle Zweifel und alle Hemmungen und alle Hindernisse weg – nur ich und der Himmel.
Wir kreisen, mal höher, mal tiefer. Ich wage einen Blick nach unten. Es ist wahnsinnig hoch. Ich spüre keine Furcht mehr. Wenn wir abstürzen würden, wäre es das wert – für diesen einen glücklichen Moment. Und irgendwie stimmt es schon. Alle Sorgen und Ängste sind verschwunden. Wie kann es sein, dass uns auf dem Boden all die Gedanken über Sein oder Nichtsein, über Dummheiten, über Nichtigkeiten quälen... während wir in der Luft sogar die Angst vor dem Abstürzen verlieren.
Wir stürzen nicht ab. Sanft gleitet der Schirm immer tiefer. Ich will nicht runter! Ich will noch ein wenig bleiben... Aber die Bäume kommen beständig näher, ich erkenne einzelne Blumen in der Wiese, eine Katze rennt davon. Dann der erste Bodenkontakt. Tap, tap, tap, im Gleichschritt rennen wir, bis wir den Schwung verloren haben. Der Schirm sackt raschelnd hinter uns zu Boden.
Bevor der Fluglehrer fragen kann „Wie wars?“, werfe ich nochmals einen wehmütigen Blick in den Himmel. Ich werde dahin zurückkehren. Das ist sicher.