"Here is the first passionate love-letter
I have ever written in my life.
Strange,
that my first passionate love-letter
should have been addressed to a dead girl.
Can they feel, I wonder,
those white silent people we call the dead?"
-Dorian Gray
[The picture of Dorian Gray, Oscar Wilde]
Es gab wenige Dinge, die Menschen so fasziniert und gleichzeitig so geängstigt hatten, wie es der Tod vermochte. Und doch fühlte er sich ganz anders, als er es im ersten Moment erwartet hatte. Vielleicht, weil in seinen Gedanken das Bild einer nebelverhangenen Wiese voller schiefer Kreuze geisterte oder vielleicht, weil es helllichter Tag war und die Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch die dichten Baumkronen bahnten und alles in ein herrliches Licht tauchten.
Phillipe blieb kurz stehen, seine Schritte auf dem steinernen Weg erstarben. Für all die Menschen, die Père Lachaise, den gewaltigen und größten Pariser Friedhof, zum ersten Mal beraten, musste der Anblick überwältigend sein. Ja, dies glich doch eher einem Dorf mit den Gassen und Wegen, die, gesäumt von mächtigen Bäumen, alles in Abschnitte teilten, von denen keine einziger nicht irgendeiner bekannten Persönlichkeit eine letzte Ruhestätte gewährte.
Aber jeder Mensch sah nur das, was er sehen wollte und der junge Mann mit dem dunklen Haar interessierte sich nicht im geringsten für all die klingenden Namen der Vielen, deren Gräber regelmäßig von Fremden besucht wurden. Denn auch all die Ruhestätten, die teils schon mehr Mausoleen waren, konnten nicht über eines hinwegtäuschen: Im Tod waren sie alle gleich, die Reichen und die Armen, die Berühmten und die Unbekannten. Weder Geld, noch Wissen, noch alles, was man in dieser Welt erwerben konnte, bewahrte einem vor dem Tod.
Er wusste nicht, was nach dem Tod kam. Phillipe hatte schon vor Langem aufgegeben, sich zu fragen, an was genau er eigentlich glaubte, an einen Himmel, an eine Wiedergeburt? Er fühlte sich jedes Mal so nah an einer Antwort, konnte jedoch nicht ausdrücken, aus was genau sie bestand. Dies war ein Thema, bei dem sein Geist an seine Grenzen kam, obwohl er keinesfalls dumm war, nein, eigentlich war er sogar sehr intelligent.
Er setzte sich wieder in Bewegung und versuchte, seine Gedanken zu verscheuchen. Aber selbst auf einem so schönen Friedhof wie diesem haftete der Tod auf den zweiten Blick doch überall: Auf den Blumen, die auf den Gräbern standen, manche verwelkt, andere frisch und keine zwei Tage alt. Auf den Grabsteinen, deren Inschriften von der Lebensdauer tausender Menschen kündeten. Auf all dem Schmuck, dem Gold, den Säulen und dem Marmor. Hatte er sich am Anfang nicht so gefühlt, als sei er auf einem Friedhof, so sickerte das Gefühl der Endlichkeit, die dieser Ort wohl oder übel vermittelte, doch langsam in ihn ein wie eine heiße Flüssigkeit.
An jedem anderen Tag des Jahres hätte sich niemand gewundert, einen jungen Mann im dunklen Anzug über den Friedhof gehen zu sehen. Aber heute war Phillipe vollkommen allein. Er ging langsam vorwärts, als fürchte er sich vor dem, was ihn erwartete, lenkte seine Schritte jedoch entschlossen in eine Richtung. Seine Hände waren hell, fast fahl, genau wie sein Gesicht, und er widerstand dem Drang, sie nervös zu verkrampfen. Das Haar bildete einen so starken Kontrast zu der Haut wie Feuer und Wasser, Hell und Dunkel, Gut und Böse. Seine Augen waren von einem dunklen Braun, Schokoladenbraun, wie es die Anderen nannten. Die rechte Hand umschloss eine einzelne Blume, die schönste Rose, die er in ganz Paris hatte finden können, und das, obwohl die Geschäfte seit Tagen Unmengen jener Blumen in ihren Schaufenstern hatten.
Er schloss kurz die Augen, blieb aber nicht stehen. Er kannte den Weg so gut, dass er schon längst nicht mehr auf seine Schritte achtete. Manchmal kam es ihm vor, als lenkte jemand anderes seine Schritte, als gehörten die Füße in den dunklen, polierten Lackschuhen nicht ihm. Sein Atem war das einzige Geräusch, bis ein sachter Wind durch die Bäume strich und ein Rascheln sich seinen Weg durch die Reihen bahnte. Wäre dies ein Platz gewesen, dann hätte ein Hauch von Freude in der Luft gelegen, so stark, dass man ihn beinahe hätte schmecken können. Aber dies war kein Platz und dieser Ort besaß seine eigene Aura, der sich auch Phillipe nicht entziehen konnte.
Er war nun an dem Grab angekommen, das er gesucht hatte. Es war keine der Ruhestätten, die so prächtig wie ein kleiner Palast waren, aber es war trotzdem viel schöner als all die Gräber darum herum. Jedenfalls empfand der junge Mann dies so, dessen Hand sich nun nervös um die Rose krallte. Nervös und etwas zu fest, denn eine der spitzen Stacheln bohrte sich in seine Haut. Er bemerkte den Schmerz nicht, es schien ihm geradezu lächerlich, aber ein Tropfen roten Blutes fiel auf den Weg zu seinen Füßen. Rot war die lebendigste und zugleich tödlichste Farbe, die Phillipe kannte. Er fischte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und drückte es gegen die winzige Wunde. Dabei fiel ein Umschlag aus der Tasche, der, leicht wie eine Feder, langsam zu Boden segelte und dort auf den Steinen liegen blieb. Es stand kein Name darauf, die Anschrift musste er in seiner Eile vergessen haben, die Metro noch zu erwischen.
Er legte erst die Rose auf den Grabstein vor sich und hob den Umschlag dann auf. Das Grab war noch nicht allzu alt, der Stein war noch hell und zeigte keinerlei Anzeichen der Verwitterung, während der Schriftzug noch vollständig lesbar war. Das Geburtsdatum war noch keine dreißig Jahre her, der Todestag knapp eineinhalb Jahre her. Die Frau, deren sterbliche Überreste hier begraben worden waren, war gerade einmal erwachsen geworden, ehe sie aus dem Leben geschieden war.
Er nahm den Brief und legte ihn neben die Rose, um aus der Innentasche seines Jacketts einen Stift herauszuziehen. Er setzte die Buchstaben vorsichtig hintereinander, als wüsste er nicht, ob sie stimmten. Chérie.
Konnte es je zu spät sein, um jemandem seine Liebe zu gestehen? Er hatte ihr so oft gesagt, dass er sie liebte, aber er hatte es ihr nie geschrieben. Dies war der erste Liebesbrief, den er je verfasst hatte. Als sie noch gelebt hatte, waren all seine Versuche stets den Flammen zum Opfer gefallen, er hatte keine Worte gefunden, keine, die dem, was er sagen wollte, gerecht wurden. Und nun waren ihm die Worte in den Gedanken so schnell gekommen, als habe sie ein Sturm her geweht. Er glaubte weder an Geister noch an Feen, aber er wusste, dass sie es wissen würde. Er hatte geglaubt, dass der Schmerz, den sie ihm bereitet hatte, ihn umbringen würde. Ihr lebloser Körper, so klein und verletzlich in dem dunklen Sarg, der für immer unter die Erde gelassen wurde. Ihr Haar, das seinen Glanz verloren hatte, so wie die Augen es getan hatten. Er hatte auf der Beerdigung mehr geweint, als er es jemals zuvor in seinem Leben getan hatte. Obwohl er nicht um ihren Körper geweint hatte, der nur noch eine Hülle war, die ihm nichts bedeutete. Ihre Seele war tot, ihre Seele, die er geliebt hatte. Er hätte alles für sie aufgegeben doch er wusste, dass es keine andere Entschuldigung als Feigheit gegeben hätte, wäre er ihr in den Tod gefolgt.
Aber er hatte gewusst, dass er nicht einfach so weiterleben würde können, wie er es bisher getan hatte. Sie war ein Teil seines Lebens gewesen und obwohl er nicht daran schuld war, dass sie tot war, fühlte er sich doch so. Es hatte Monate gedauert, bis ihm klar gewesen war, dass er nie wieder einen Menschen so lieben würde wie sie, weil er sie immer noch liebte. Wenn es ein Leben nach dem Tod geben sollte, dann gab es auch eine Kraft, die dafür verantwortlich war. Und nichts war so mächtig wie Liebe. Liebe, die zu Hass wurde, Liebe, die die Welt veränderte, Liebe, die schon den kleinsten Dingen zuteil wurde. Nur, weil sie nicht mehr bei ihm war, hieß das nicht, dass er nicht bei ihr war. In Gedanken und Taten. Er drehte den Umschlag in den Händen und legte ihn auf das Grab. Phillipe hielt mitten in der Bewegung inne, als würde ihn einen unsichtbare Macht davon abhalten, den Brief abzulegen, dann fuhr ein Ruck durch seinen Körper und er ließ den Umschlag auf den Stein sinken.
Obwohl der Brief nicht viel gewogen hatte, fühlte er, wie eine Last von ihm abfiel, die die ganze Zeit über gegen seine Brust gedrückt hatte, als wolle sie ihn am Atmen zwingen. Phillipe kniete sich nieder und sprach ein kurzes Gebet. Dann erhob er sich wieder und drehte sich um, ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen. Er würde sie lieben, das wusste er, immer lieben, denn diese unbegreiflich große Macht ließ sich nicht von ihm steuern. Liebe war viel mehr als alles, was ein Mensch je in Worte fassen konnte. Sie brachte die schlimmsten und die besten Dinge an ihnen zum Vorschein, sie teilte die Welt wie eine unsichtbare Linie in Gewinner und Verlierer, aber eine Linie, die ständig in Bewegung war und sich verschob. In der kleinsten Bewegung konnte so viel Liebe liegen. Und so viel Hass.
Phillipes Schritte wurden schneller, sodass er das schmiedeeiserne Tor schnell wieder erreichte.
Wir brauchen mehr im Leben als Liebe, aber nicht im Tod.
In Paris würde ihn der Lärm empfangen und die Gefühle tausender Menschen, denn heute war Valentinstag.