Ziellos laufe ich durch das hohe Graß. Die Sonne lässt ihren letzten Schein auf mich nieder. Mein Atem rast, mein Herz pocht und ich hab absolut keinen Schimmer wo ich bin oder was ich hier tue. Die Gräser, die mir schon bis zum Kinn reichen peitschen schmerzhaft auf meine nackten Füße. Mein Körper steht nicht mehr unter meiner Leitung und bewegt sich frei. Ich weiß nicht mehr was passiert ist, nur noch, dass ich auf einmal hier war und schon seit Längerem wie wild durch die Wiese laufe und immer wieder mal an einigen steilen Felsen runterkrieche. Völlig Sinnlos und von keiner Bedeutung? Meine Arme schieben die letzten Pflanzen zur Seite und mein Blick fällt unweigerlich auf den traumhaften Sonnenuntergang, der sich in der Bucht Sainta Nocias ereignet. Im herrlichen Licht der Sonne spiegeln sich meine Erinnerungen an die letzten Jahre, an die letzten Monate, an das letzte Leben, dass ich geführt habe, wider. Ich erstarre. Ich könnte mich nun frei bewegen, aber ich will hier nicht weg. Ich möchte mich hierhin setzten und das Versteckspiel der Sonne miterleben. Abwarten was die Zeit mit sich bringt. Doch dieses Land steht nicht unter dem Druck der Zeit, nicht so wie wir es gewohnt sind.
So wie die Sterne am Nachthimmel prangen, so funkeln meine braunen Augen im hellen Mondschein. So wie die Welt mich enttäuscht hat, so hab ich ihn geliebt. So wie ich hier gedankenverloren in die Sterne starre, so lief ich damals mit ihm durch die engen Gassen. Die heutigen spitzen Scherben waren einst meine Hoffnung. Die Trümmer, meine Heimat. Und die Überreste gefüllt von Liebe. Lass uns frei sein!, hatte ich in die dunkle Nacht hineingerufen, während ich seine Hand hielt. Mein kurzer Rock hatte mir nicht mal bis zu den Knien gereicht, meine Bluse erlaubte den Betrunkenen in der Bar einen tiefen Einblick und der Regen prasselte auf uns Beide nieder. Liebevoll hatte er mir mein völlig durchnässtes Haar aus dem Gesicht gestrichen, aber mit seinen Worten verschwand mein Lächeln augenblicklich: „Du bist nicht mehr der Mensch, der du mal warst.“ Und ich hab ihn nie wieder gesehn, denn als endlich verstanden hatte wo das Problem lag, war die Zeit schon vorüber. Doch dieses Land steht nicht unter dem Druck der Zeit, nicht so wie wir es gewohnt sind.
Meine beiden Arme sind hinter meinem Nacken verschränkt. Es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, die ich schon hier verbracht habe. Und nur damit in die Wolken zu schauen, die ich zur meiner Unterhaltung verformen. Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Der Grashalm den ich zwischen meinen Zähnen klemmen habe, gibt dem Gesamtbild einen Touch von einem Kind auf dem Land. Die Lücken, die sich zwischen den Wolken eingeschlichen haben, und das helle Blau am Himmel zur Geltung bringen, fülle ich mit den letzten Erinnerungen an sie. Der einzige Mensch, der mich je verstanden hat, für mich da war, in guten wie in schlechten Zeiten, den ich unendlich lieben konnte. Aber sie war zu perfekt um bei ihren grausamen Gleichgestellten zu bleiben. Heiße Tränen laufen mir übers Gesicht. Das Ende der Welt meiner war mit ihrem Tot verbunden. Damals war es schon zu spät gewesen. Doch dieses Land steht nicht unter dem Druck der Zeit, nicht so wie wir es gewohnt sind.
