Der Bahnhof. Hier herrscht Bewegung, hier fliesst das Leben in Form von Menschen zwischen Gleis 12 und 13. Ein Geschwindigkeitsrausch, wenn man mit hunderten von Leuten über das Perron geschwemmt wird. Schon ahnt man den Übergang in die Halle, schon nähert man sich dem Ende des Zugs, wo die riesigen Abfedermechanismen stehen, für den Fall, dass der Zug zu schnell einfährt. Und dann – die Halle. Es gibt hier alles. Irgendwo sitzt ein Geschäftsmann und füttert geistesabwesend einen Spatz mit Krümeln. Dort ist eine ausgeflippte Frau, die sich Plastik-Fische als Schmuck um den Hals gehängt hat. Wieder woanders sehen wir eine Familie mit sechs Koffern etwas verloren in der Gegend stehen. Irgendwo ein paar Soldaten, die um die Wette rülpsen. Und mittendrin der indische Verkäufer vom Hotdog-Stand, der geduldig einer älteren Dame sein Sortiment erklärt. Das Dach der Bahnhofshalle ist gross und weit – es ladet geradezu ein, grosse Träume zu haben, seine Gedanken direkt unter den rostigen Streben vorbei zischen zu lassen. Und an der Scheibe kreisen die Raubvögel. Die blätternde Anzeigetafel spricht von Destinationen, die wir noch nie gesehen haben. Sie spricht von Möglichkeiten, von Abenteuern, von Reisen ans Ende der Welt. Und ein bisschen vom Ausbruch aus dem Alltag. Die überdimensionale Uhr – der Treffpunkt, der zu unfreiwilligen Treffen zwischen den Geschlechtern führt, wenn junge Männer auf der Jagd sind. Der Ort, an dem ein paar Augen aufleuchten, wenn ein geliebter Mensch sich aus der Masse herausschält. Der Ort, an dem Umarmungen getauscht werden – unter den wachsamen Augen eines Engels. Der Boden, der von all den Schuhen erzählt, die auf ihn getreten sind, lederne, schwarze, Turnschuhe, Stöckelschuhe und nackte Füsse. Der Boden, gefleckt von all den Kaugummis, von Flüssigkeiten, von Essen. Ein von vielen Erfahrungen geprägtes Gesicht. Auch das ist Geschichte. Der Duft nach Tabak, nach Regen auf dem nassen Stein, nach Fisch, nach Sonnencremes und Parfums, nach dem Schmiermittel der Maschinen. Wenn das nicht der Duft der weiten Welt ist – was dann? Das Rattern der einfahrenden Züge, das Rattern der rollenden Koffer, das Klappern von Geldmünzen, das Lachen der Leute, die Sprachen... Tigrinya, Arabisch, Englisch, Türkisch und Italienisch geben sich die Hand und verschmelzen zu einem Murmeln, das ansteigt und verebbt, wie die Wellen des Meeres. Und ein feiner Luftzug weht durch die Halle, flüstert vom Leben selbst, das hier so natürlich durcheinander wirbelt, flüstert von Lebensfreude und von Aufbruch. Und auch ein bisschen von Fernweh...

Hallo Regula, Ich habe
Hallo Regula,
Ich habe deinen Text fasziniert gelesen- eine wunderschöne Momentaufnahme, die einem die einfach, normalen und doch faszinierenden Dinge des Lebens zumindest an einem Beispiel zeigt, jedenfalls geht es mir so ;)
Hier trotzdem noch einige Ideen und Verbesserungen:
"...wenn man mit hunderten von Leuten über das Perron geschwemmt wird."
--> Das "Hunderten" wird groß geschrieben, außerdem gefällt mir die Wortwahl nicht ganz, denn einerseits schreibst du vom Rausch, dann vom geschwemmt werden. Das klingt für mich etwas gegensätzlich, weil der Rausch sehr schnell ist, geschwemmt zu werden eher nicht.
"... es ladet geradezu ein, grosse Träume zu haben, seine Gedanken direkt unter den rostigen Streben vorbei zischen zu lassen."
--> Heißt es nicht "Es läd gerade dazu ein..."?
"Der Boden..."
--> Hier hast du zweimal hinter einander den Satz mit Boden begonnen, da du sonst jedes Wort nur einmal benutzt hast, wirkt es etwas unpassend.
Ansonsten würde ich dir empfehlen, Absätze zu machen, damit man den Text besser lesen kann, sonst habe ich nichts groß zu meckern.
LG Chamida
Hallo Chamida Das Schwemmen
Hallo Chamida
Das Schwemmen empfinde ich durchaus als schnell und fliessend. Beim "ladet" muss ich dir zustimmen - da war ich wohl zu sehr im Schreibrausch :-P. Und das mit dem Boden ist in dem Fall tatsächlich ein Stilbruch. Normalerweise mache ich auch fleissig Absätze, aber da hat es mich einfach mitgerissen. Vielleicht kann man das ja künstlerisch frei so interpretieren, dass der Text selbst den Rausch des Bahnhofs symbolisiert ;-).
Ehrliches Feedback ist bei Freunden manchmal schwer zu kriegen. Vielen Dank dafür!
Liebe Grüsse,
Regula