Auf Flügeln davon

 
Der Knall ertönte. Gleichzeitig mit zwanzig anderen Läuferinnen schnellte sie in die Höhe. Es war nicht ihr erster Wettkampf. Und sicher nicht ihr letzter. Aber ihre Füsse schienen schwer wie Ziegelsteine. Die andern rannten schon alle vor ihr her und sie holte und holte nicht auf. Was war denn los mit ihr, verdammt noch mal?!
Sie dachte an ihren Vater, der immer gewollt hatte, dass sie Anwältin würde. Er kannte nichts ausser seiner Juristerei. "Mit dieser Lauferei wirst du nie dein Geld verdienen!", hatte er zu ihr gesagt. "Da gibts noch andere, die zehnmal besser sind als du."
Ihre Mutter? Hatte sich nie dafür interessiert, was sie tat. Hauptsache, sie war zu Hause. Hauptsache, sie war ein braves Mädchen. Hauptsache, sie tat ja nichts Gefährliches.
Sie spürte ihre Eltern an ihren Füssen hängen wie ein paar mit Blei gefüllter Stiefel. Schon wuchs der Abstand zu den andern auf ein Mass heran, das bald nicht mehr aufzuholen war.
Nein, es war nicht ihr erster Wettkampf. Aber wenn sie nicht endlich diese Gewichte an den Füssen losliess, würde es bald ihr letzter sein. Sie war beim Training so oft lustlos gewesen. Sie hatte auch jetzt nicht wirklich dieses Feuer in sich, das danach schrie, zu gewinnen. Es war, als würde sie an einem Abgrund stehen und bald würde sie dort hinunter fallen und sterben. Ihr Körper würde weiter leben, aber ihre Seele nicht. Ihre Flügel, ihre innerste Inspiration, würden nutzlos in sich zusammenklappen. Sie würde nachgeben, sich zu dem Studium einschreiben, sie würde eine mittelmässige Anwältin werden. Aber sie würde nie wieder dieses Gefühl der Lebendigkeit in sich fühlen. Egal, wo sie hinginge, sie würde diese schweren Gewichte an ihren Füssen spüren. Und am Ende würde sie spüren, in einem winzigen Moment aufflammender Lebendigkeit, dass sie eigentlich das Leben von jemand anderem gelebt hatte. Von ihrem Vater. Von wem auch immer. Und irgendwann würde sie auf dem Totenbett liegen und ihr letzter Gedanke würde sein: "Es war alles umsonst."
Und sie dachte daran, dass sie ihren Vater sehr liebte, während ihre Füsse auf den Boden tappten. Und sie dachte daran, dass sie auch ihre Mutter sehr gern hatte, als sie ihren keuchenden Atem spürte. Und sie dachte daran, ihre Flügel weit aufzuspannen, zu fliegen, wie Kinder es nun einmal tun mussten, wenn sie erwachsen wurden. Es änderte nichts, dass ihr Vater es nicht einmal anerkennen würde, wenn sie die olympischen Spiele gewann. Es war eine Entscheidung zwischen Leben und Tod. Und sie konnte nicht das lebendige Grab wählen. Nicht einmal für ihren Vater.
Sie überholte die letzte von den Läuferinnen. Sie hörte das Trappeln der Füsse der anderen um sie herum. Wie eine Pferde Mustangs, dachte sie. Wie eine Herde, die gemeinsam rannte - aus schierer Freude an der Bewegung. Sie verspürte eine Energie in ihren Oberschenkeln, die sie nur selten bisher verspürt hatte. Ihre Füsse schienen zu Hermes geflügelten Schuhen zu werden. 
Sie war frei! Ihr Herz lachte. Endlich wieder rennen! Nach so langer Zeit des Stillstands, des Rennens um der Verzweiflung willen - Noch ein Stück! Ja, noch ein Stück! Und dann sah sie das Ziel in Sicht. Sie legte die letzte Kraft in diese Schritte. Tap! Tap! Tap!
Zweiter Platz. Sie lächelte. Das nächste Mal würde es der erste Platz sein. 


Hallo Carola,   Deine Kurzi

Hallo Carola,
 
Deine Kurzi gefällt mir unglaublich gut, weil diesen unspezifischen Stiel mit dem "Sie", ohne einen Namen zu nennen, so schön finde muss ich zugeben *gg* Das lässt die Geschichte sehr fein und poetisch klingen. Deswegen aber passen manche deiner Formulierungen auch noch nicht hundertprozentig dazu, weil sie etwas zu holprig für den sonst so hohen Stiel sind, z.B.:
"Schon wuchs der Abstand zu den andern auf ein Mass heran..."
--> Hier gefällt mir die Komplette Formulierung nicht, eher: "Immer größer wurde der Abstand zu den Anderen, (so groß,) (so)dass..." oder sowas in der Richtung. 
"Sie überholte die letzte von den Läuferinnen..."
--> Klingt, wie schon oben gesagt, zu holprig. Ich würde "Die Letzte der Läuferinnen" oder "Die letzte Läuferin" sagen. 
Gerade die letzten Sätze gefallen mir wieder sehr, das ist super gut!
LG Chamida

Hallo Chamida Danke für

Hallo Chamida
Danke für deinen  Kommentar! Dein Feedback hat Hand und Fuss. Werde ich mir auf jeden Fall für das nächste Mal merken!
LG Carola
PS: Meinst du den Stiel oder den Stil? ;-)